Kategorie: Analysen

  • Amazon hält 63 Prozent – Temu holt beim Wachstum auf

    Über Amazon laufen 63 Prozent des deutschen Onlinehandels. Das IFH Köln und der Datenanbieter General Evidence beziffern das Handelsvolumen in ihrer am 8. Oktober veröffentlichten Studie zum Amazon-Markt auf 69,1 Milliarden Euro.

    Es ist die erste belastbare Zahl für Deutschland, die den Marketplace einrechnet – also die Umsätze fremder Händler auf der Plattform. Basis sind 28 Märkte aus sechs Branchen, eine repräsentative Befragung von 1.002 Personen sowie Bestell- und Nutzungsdaten.

    Die Zahlen sprechen eine klare Sprache

    Die Aufteilung ist die eigentliche Nachricht. 46,1 Prozentpunkte entfallen auf Fremdhändler im Marketplace, nur 17,2 auf Amazons Eigenhandel. Fast jeder zweite online ausgegebene Euro fließt damit über eine Plattform, deren Sichtbarkeitsregeln, Gebühren und Buy-Box-Logik kein Händler kontrolliert.

    Beim Wachstum rückt Fernost auf. Amazon legt im Jahresvergleich um 3,2 Milliarden Euro zu. Otto und Zalando holen zusammen 1,4 Milliarden, Temu und Shein zusammen rund eine Milliarde. Jeder achte Kunde verlagert einzelne Käufe zu asiatischen Anbietern.

    Warum das für dich relevant ist

    Amazon beeinflusst nach IFH-Rechnung 41 Prozent der deutschen Ausgaben in den untersuchten Kategorien – direkt oder indirekt über Preisvergleich und Produktsuche. Wer dort nicht gelistet ist, verliert nicht nur Umsatz, sondern die Preisreferenz.

    Gleichzeitig kommt der Preisdruck aus Fernost im deutschen Mid-Market an. Das Milliardenwachstum von Temu und Shein geht nicht zulasten von Amazon, sondern frisst sich in genau die Sortimente, die bisher Otto und Zalando bedient haben.

    Für dich als Entscheider bedeutet das: Amazon ist kein Kanal neben anderen, sondern der Markt selbst – und deine Marge hängt an fremden Regeln. Rechne durch, welcher Deckungsbeitrag nach Gebühren und Werbekosten bleibt, und baue parallel Direktumsatz auf, der nicht von der Buy Box abhängt. Im unteren Preissegment gegen Temu und Shein zu bieten, ist keine Strategie.

  • KI-Anrufe retten Warenkörbe – nur nicht in Deutschland

    KI-Sprachanrufe holen doppelt so viele Warenkorbabbrecher zurück wie WhatsApp allein. Das meldet der indische Checkout-Anbieter GoKwik nach sechs Monaten Daten aus 30 D2C-Marken, die sein Modul „AI Calling“ hinter die WhatsApp-Strecke geschaltet haben.

    Die Zahl ist eine relative Angabe. Keine der Fundstellen nennt die absolute Ausgangsquote — eine Verdopplung von 2 auf 4 Prozent sähe identisch aus. Alle Berichte gehen auf dieselbe Unternehmensmitteilung zurück, eine unabhängige Prüfung gibt es nicht.

    Warum das für dich relevant ist

    Der Kanal ist in Deutschland zu. Telefonwerbung gegenüber Verbrauchern braucht eine vorherige ausdrückliche Einwilligung, beim Einsatz automatischer Anrufmaschinen gilt der Einwilligungsvorbehalt nach § 7 UWG zusätzlich gegenüber Unternehmen. Ein KI-Anruf auf eine Nummer, die im Checkout nur zur Lieferabstimmung erhoben wurde, reißt diese Hürde.

    Dazu kommt die praktische Lücke: Bricht jemand vor dem Checkout ab, liegt in deutschen Shops meist eine E-Mail-Adresse vor – keine verifizierte Mobilnummer. GoKwiks Modell setzt auf der indischen Realität auf, in der Telefonnummer plus WhatsApp die Shop-Identität praktisch ersetzen. Das ist keine Randnotiz, sondern die Voraussetzung des ganzen Aufbaus.

    Was übertragbar ist

    Nicht der Anruf, sondern der Eingriffszeitpunkt. Der Agent meldet sich unmittelbar vor dem Kauf und beantwortet genau die vier Fragen, an denen Bestellungen scheitern: Liefertermin, Zahlungsart, Rabatt, Retoure.

    Wer diese Antworten strukturiert vorhält, kann sie einwilligungsfrei im eigenen Shop ausspielen — als Exit-Intent-Dialog, über einen On-Site-Assistenten oder in einer transaktionalen Mail mit konkreter Lieferzusage statt Gutschein. Das klärt nebenbei Retourenfragen vor dem Kauf, nicht danach.

    Für dich als Entscheider bedeutet das: Die GoKwik-Zahl taugt nicht als Benchmark für deinen Shop — indische Marken, indische Telefonkultur, Herstellerdaten ohne Basiswert. Übernimm stattdessen die Frage dahinter: Hast du Liefertermin, Zahlungsarten, Rabattlogik und Retourenregeln so strukturiert vorliegen, dass ein System sie im Abbruchmoment ausspielen kann? Wenn nicht, hilft dir auch kein Agent — weder am Telefon noch im Chat.

  • Der BGH kippt Amazons Preiserhöhung bei Prime

    Amazon darf die Prime-Gebühr nicht erhöht haben. Der Bundesgerichtshof hat am 1. Oktober 2026 die AGB-Klausel für unwirksam erklärt, mit der Amazon 2022 den Preis angehoben hat (Az. III ZR 205/25). Grund: Intransparenz.

    Geklagt hatte die Verbraucherzentrale NRW, die bereits vor dem Landgericht und dem Oberlandesgericht Düsseldorf gewonnen hatte. Betroffene Altkunden zahlen vorerst wieder weniger und können Geld zurückfordern — einzeln oder über die laufende Sammelklage.

    Warum das für dich relevant ist

    Das ist kein Amazon-Thema, das ist ein Abo-Thema. Jeder Shop mit Mitgliedschaft, Versand-Flatrate oder Service-Abo arbeitet mit einer Preisanpassungsklausel in den AGB. Der Maßstab des BGH gilt für sie alle.

    Entscheidend ist nicht, ob du erhöhen darfst, sondern ob die Klausel verständlich erklärt, wie der Kunde darauf reagieren kann. Wer das nicht leistet, hat jede vergangene Erhöhung rückabwickelbar im Bestand — rückwirkend, über den gesamten Abonnentenstamm.

    Was kommt als Nächstes

    Die Durchsetzung ist organisiert. Die Sammelklage der Verbraucherzentrale läuft weiter. Das Instrument macht Rückforderungen auch dort lohnend, wo es pro Kunde um einen Euro im Monat geht.

    Für Händler heißt das: Die Zeit der folgenlosen Standardklausel ist vorbei. Verbraucherschützer haben jetzt ein höchstrichterliches Urteil als Vorlage — und Abo-Modelle sind im Handel die Regel, nicht die Ausnahme.

    Für dich als Entscheider bedeutet das: Hol die AGB deiner Abo-, Mitgliedschafts- und Flatrate-Produkte heute aus der Schublade und prüfe die Preisanpassungsklausel auf eine Frage — steht dort verständlich, wie der Kunde auf eine Erhöhung reagieren kann? Wenn nicht, rechne durch, welches Volumen vergangene Erhöhungen haben, und lass die Klausel neu fassen, bevor jemand anders sie prüft.

  • TikTok kauft für dich ein, bevor du den Shop siehst

    TikTok verlegt den Kaufabschluss in den Feed. Auf der Advertising Week New York hat die Plattform am 5. Oktober 2026 zwei Funktionen vorgestellt: „Buy Direct“, einen Checkout, mit dem Nutzer per Klick direkt aus dem For-You-Feed bei einer Marke kaufen, und einen Shopping Assistant, der Fragen zu Größe, Versand und Verfügbarkeit beantwortet und den Kauf im selben Dialog abschließt.

    TikTok nennt beides ausdrücklich die ersten von mehreren agentischen Commerce-Funktionen – gemeint sind Systeme, die den Kauf im Auftrag des Nutzers anbahnen und abschließen. Gebaut wurden sie mit Salesforce, Shopify, Shoplazza und Stripe. Start ist zunächst die USA, ein Datum für DACH gibt es nicht.

    Warum das für dich relevant ist

    Die eigentliche Nachricht für deutsche Händler steht im Kleingedruckten. Im selben Paket ändert TikTok die Werbeautomatik GMV Max: Affiliate-Provisionen, Coupons und Referral Fees fließen künftig in die Optimierung ein.

    Das verschiebt deine Deckungsbeiträge genau dort, wo in Deutschland das Geschäft gemacht wird. 73,8 Prozent des deutschen TikTok-Shop-Umsatzes laufen über Affiliates. Wer bisher gegen reine Werbekosten optimiert hat, rechnet ab jetzt gegen eine andere Kostenbasis – und sieht bei gleichem Zielwert plötzlich andere Gebote.

    Dass Shopify und Stripe mit am Tisch sitzen, heißt zweitens: Die technische Brücke nach Europa steht schon. Buy Direct braucht keinen TikTok-Shop-Account – der Kauf läuft auch für Marken, die bisher nur Werbung geschaltet haben.

    Die konkreten Zahlen

    • 174,7 Millionen Euro setzte TikTok Shop Deutschland in den 90 Tagen bis zum 9. Juli 2026 um — 35,0 Prozent der vier EU-Märkte
    • 73,8 Prozent davon über Affiliates, also Creator-Provisionen statt Eigenwerbung
    • 29,8 Millionen Euro entfallen auf Haushaltsgeräte, die größte Kategorie
    • 106,0 Milliarden Euro globales GMV erwartet ECDB für TikTok Shop 2026, ein Plus von 86 Prozent
    • Zwei von drei Euro des europäischen Geschäfts stammen weiterhin aus Großbritannien

    Der Blick nach vorn

    TikTok baut den eigenen Agenten, statt fremde einzulassen. Während Amazon externe Shopping-Agenten aussperrt und Walmart den Warenkorb an den eigenen Assistenten übergibt, stellt TikTok den Assistenten gleich vor den Kaufprozess. Deine Produktdaten entscheiden dann, ob der Assistent dein Angebot überhaupt korrekt beschreiben kann.

    Für Europa fehlt der Termin — aber die Reihenfolge ist aus der TikTok-Shop-Einführung bekannt: erst USA und Großbritannien, dann die EU-Märkte. Vorlauf für Händler: Monate, nicht Jahre.

    Für dich als Entscheider bedeutet das: Prüfe zuerst, wie GMV Max deine Kampagnen nach der Umstellung bewertet — bei 73,8 Prozent Affiliate-Anteil ändert sich deine Marge, nicht nur dein Gebot. Rechne Provisionen, Coupons und Referral Fees in deine Zielwerte ein, bevor die Automatik es für dich tut. Und sortiere deine Produktdaten jetzt so, dass ein Assistent Größe, Versand und Verfügbarkeit ohne Rückfrage beantworten kann. Buy Direct kommt ohne Ankündigungsfrist nach Europa, wenn es kommt.

  • Österreich kassiert 2 Euro pro Paket – Zalando klagt

    Österreich besteuert seit dem 1. Oktober 2026 jedes zugestellte Paket mit 2 Euro netto. Für Kunden landen daraus in der Regel 2,40 Euro brutto auf der Rechnung.

    Die Steuer trifft nur Versandhändler mit mehr als 100 Millionen Euro Versandhandelsumsatz in Österreich im vorangegangenen Wirtschaftsjahr. Das sind rund 15 bis 16 Anbieter — neben Amazon, Temu, Shein, AliExpress, eBay, Apple, Ikea und XXXLutz auch die deutschen Händler Otto, Zalando, MediaMarkt, BestSecret und Shop Apotheke, wie etailment berichtet.

    Zalando wehrt sich gerichtlich. Der Händler hat nach eigenen Angaben am 20. August 2026 Klage beim österreichischen Verfassungsgerichtshof eingereicht. Amazon meldet Bedenken zur Verfassungsmäßigkeit und zur Vereinbarkeit mit dem EU-Binnenmarkt an. Otto-Österreich-Chef Harald Gutschi erwartet bis zu zehn klagende Händler.

    Warum das für dich relevant ist

    Das ist kein Österreich-Thema, sondern ein Präzedenzfall. Ein EU-Mitgliedstaat besteuert Zustellungen national, gestaffelt nach Umsatzschwelle — und die Hauptbetroffenen sitzen in Deutschland. Das Finanzministerium kalkuliert mit 280 Millionen Euro Aufkommen pro Jahr und finanziert damit die Mehrwertsteuersenkung auf Grundnahrungsmittel gegen.

    Wer knapp unter der Schwelle von 100 Millionen Euro Österreich-Umsatz liegt, hat erstmals einen betriebswirtschaftlichen Grund, Wachstum in einem Markt zu modellieren statt es einfach mitzunehmen. Ein Umsatzsprung über die Grenze zieht eine Abgabe auf jedes einzelne Paket nach sich.

    Zwei operative Folgen

    • Paket oder Bestellung — das Gesetz lässt die Wahl, ob pro zugestelltem Paket oder pro Bestellung besteuert wird. Damit wird Bündelung im Fulfillment zur Steuerfrage: Wer eine Bestellung in drei Teillieferungen splittet, zahlt möglicherweise dreifach.
    • Retouren bringen nichts zurück — die Steuerpflicht bleibt bestehen, wenn der Kunde nach erfolgreicher Zustellung zurückschickt. Die Ware kommt ins Lager, die 2 Euro bleiben weg. In retourenstarken Sortimenten wie Mode summiert sich das.

    Belastbare Prognosen zum Umsatzeffekt gibt es bisher nicht. Was es gibt, sind Preisschilder: Händler weisen die 2,40 Euro offen aus, die Kritik an der Abgabe hält an.

    Der Blick nach vorn

    Entscheidend wird, ob der Verfassungsgerichtshof die Schwellenlogik hält. Fällt die Steuer, war es eine teure Übung. Hält sie, hat ein EU-Staat vorgemacht, wie sich grenzüberschreitender Versandhandel national abschöpfen lässt — und andere Finanzminister schauen zu.

    Für dich als Entscheider bedeutet das: Prüfe zuerst, ob dein Österreich-Umsatz nahe an den 100 Millionen Euro liegt — die Schwelle ist jetzt eine Planungsgröße. Liegst du darüber, entscheide bewusst zwischen Besteuerung pro Paket und pro Bestellung und rechne die Bündelungslogik im Fulfillment durch. Kalkuliere die Steuer auf Retouren ein, sie fällt trotzdem an. Und behandle Österreich als Blaupause: Wer heute Preis- und Versandlogik so baut, dass eine nationale Zustellabgabe sauber durchgereicht werden kann, muss sie beim nächsten Mal nicht neu erfinden.

  • Payback wird dein neuer Marktplatz: 35 Millionen Kunden, ein Beta-Risiko

    Payback verkauft jetzt selbst. Seit dem 23. September läuft in der App der Bereich „Payback Produkte": Kunden suchen, kaufen und bezahlen komplett im Programm, Punkte inklusive.

    Der Shop startet als Beta mit mehreren tausend Artikeln von Elektronik über Mode bis Gartenbedarf und ergänzt den bestehenden Marktplatz mit über 700 Partnern. Am 1. Oktober wurde der Start breit aufgegriffen.

    Warum das für dich relevant ist

    Im Heimatmarkt entsteht ein reichweitenstarker Kanal, der nicht Amazon ist. Payback zählt 35 Millionen aktive Kunden und rund 18 Millionen App-Nutzer — eine Distribution, die in Deutschland sonst nur eine Handvoll Plattformen erreicht.

    Der Haken ist der für Loyalty-Programme typische: Der Kunde gehört dem Programm, nicht dir. Kaufhistorie, Punktelogik und Ansprache bleiben bei Payback, du lieferst Sortiment und Marge.

    Was die Zahlen nicht hergeben

    Payback nennt bislang keine Transaktionszahlen, keine Händlerliste und keine Leistungswerte — das zeigt auch die Darstellung zur Händleröffnung. Zwischen 35 Millionen Reichweite und null belegtem Abverkauf klafft eine Lücke, die kein Businessplan überbrückt.

    Das rechtfertigt einen kontrollierten Test mit einem abgegrenzten Sortiment, keine Kanalstrategie. Wer jetzt andient, verhandelt vor der Skalierung — und damit zu besseren Konditionen als nach dem Beta-Ende.

    Für dich als Entscheider bedeutet das: Melde dich jetzt mit einer klar abgegrenzten Produktgruppe an, verhandle Konditionen und Datenzugang vor der Skalierung und miss den Kanal drei Monate gegen deine bestehenden Marktplätze. Budgetiere ihn wie ein Experiment, nicht wie einen zweiten Amazon — solange Payback keine Transaktionszahlen veröffentlicht, ist jede Umsatzprognose geraten.