Autor: Digitalhandeln Blog

  • Kapazität ist auch Kundenerlebnis: die Rationale hinter Amazons Zustell-Logistik-Initiativen

    Amazon hatte mal wieder den richtigen Riecher: Kapazität in Logistik und „letzter Meile“ ist das neue Kundenerlebnis! Amazon hat schon vor Jahren die Engpässe im KEP / Zustell-Logistik vorausgesehen und sich frühzeitig mit verschiedenen Initiativen unabhängiger von etablierten und vermeintlich uneinholbaren Dienstleistern gemacht: Amazon Logistics auf der letzten Meile, Assets wie Flugzeuge und zuletzt reine Umschlag-Läger für die vertikal integrierte Supply Chain, exklusive Kundenzugänge an der Haus– bzw. Autotür etc. etc.

    Amazon kann halt immer noch – während z.B. der deutsche KEP-Markt in Teilen vermeintlich an seine Kapazitäts-Grenze stößt und Peak-Zuschläge fordert!

    Und wie alle immer geschimpft haben, dass die Amazon Heimzustellung auch mit denselben Engpässen zu kämpfen hat, wie alle anderen KEP Dienstleister auch, Amazon nix selber macht sondern nur auf selbständige Kuriere zurückgreift …. ja, mag stimmen! Aber: Entscheidend war erstmal (!) nur die Kapazität zu haben, die reine Möglichkeit und auch Unabhängigkeit von DHL & Co.

    Und was lernt der klassische Handel daraus? 

    Hoffentlich nutzt der Handel mit seinen Filialen nun auch diese Chance. Stichwort: Umfeldbelieferung in definierten Zeitfenstern und vielleicht sogar Same-Day. Die Infrastruktur durch selbständige Kuriere, Last-Mile-Anbieter wie Liefery & Co wächst Monat für Monat weiter. Auch hier kann sich ein lokaler Händler – egal welcher Größe! – schnell eine Unabhängigkeit gegenüber Hermes & Co aufbauen – und einen echten Kundenerlebnis-USP aufbauen.

    Sonst zahlen viele Händler in Zukunft nicht nur die „Google-Steuer“ in der Kundengewinnung, sondern auch die „Hermes-Steuer“ in Form von Peak-, „zu groß/zu klein/zu schwer / zu ‚irgendwas fällt uns schon ein‘ „-Zuschlägen.

  • Amazon Logistics jetzt auch in Rhein-Main – Fakten & Zahlen

    Vor wenigen Tagen sehe ich zufällig die Benachrichtungskarte von Amazon Logistics an einer Haustüre in Wiesbaden. Somit expandiert der Amazon-eigene Paketdienst jetzt auch ins Rhein-Main-Gebiet. Amazon hat dazu im Logistikpark Mönchhof eine ca. 13.000 Quadratmeter große Lagerfläche zum Verteilzentrum ausgebaut. Amazon sucht parallel Positionen wie den „Teamleiter Transport für Amazon Logistics in Frankfurt“ Zuvor wurde der Service bereits in Berlin, München (ca. 13.000 qm in zwei Verteilzentren) und dem Ruhrgebiet ausgerollt.

    Die Logistik-Ambitionen von Amazon sind heiß diskutiertes Thema in der E-Commerce Branche: von Locker–Offensive über Treasure Trucks bis hin zur eigenen Zustellung in den Varianten Fresh, Flex oder eben Amazon Logistics.

    Amazon Logistics Zustelldienst

    Doch welche Fakten zum Amazon Zustell-Service auf der letzten Meile sind bekannt?

    • Im Ruhrgebiet werden aus dem ca. 8.000 Quadratmeter großen Verteilzentrum bis zu 250 Lieferfahrzeuge mit Paketen für die Same-Day /Next-Day-Belieferung bedient
    • Amazon setzt für die „letzte Meile“ keine eigenen Fahrer ein, sondern beauftragt lokale Transportunternehmen
    • In Deutschland soll es mittlerweile ca. 13 solcher Verteilzentren für den Amazon Zustelldienst geben
    • Die Routenpanung erfolgt durch Amazon selbst 
    • Amazon scheint trotzdem kein durchgängiges Track & Trace etablieren zu können: Es lässt sich nur der Liefertag ohne weitere zeitliche Eingrenzung abrufen. Mehr oder weniger objektive „Leidensberichte“ zu dem als ausbaufähig empfundenen Servicelevel finden sich an diversen Stellen
    • Eventuelle Retouren werden weiterhin durch DHL, Hermes & Co abgewickelt
    • Eine Zahl zum Potential dieser Maßnahmen aus dem Jahr 2015: „Von 3 Milliarden Paketen pro Jahr, stammen 500-700 Millionen von Amazon“ (Quelle)
  • Meinung: E-Commerce Geschäftsmodelle gestern vs 2017

    Zusammenfassung: Marketplaces ist das Winner-Geschäftsmodell gestern & heute; Hersteller/Brands haben die besten Potentiale und Pure Plays müssen schleunigst eine ziemlich harte Nuss knacken…

    Ausführlicher: „Frei von der Leber“ und ohne großen Daten-/Zahlen-Jongliererei…

  • Die Englische Woche des E-Commerce in Berlin

    Diese Woche geht es rund in Berlin; die Hotels sind ausgebucht und wahrscheinlich zu 80% von „Digital Guys“ belegt. Denn es ist Konferenz Rush Hour in Berlin mit den folgenden Parallel-Events:

    Passend dazu gibt es viele offizielle und inoffizielle (Pre-)Parties und Stelldichein der Digital-Szene. Heute Abend geht es schon los mit einem K5 Grill’n’Chill für jedermann, für alle Operations / Customer Service Interessierten ein „Service First BBQ“ von AI-Startup Parlamind mit Self-Registration und ein invitation-only NOAH Startup Dinner von Adyen. Ich werde versuchen bei allen drei dabei zu sein… 🙂

  • Zalando setzt mit „Bezahl nur was Du behältst“ einen neuen Payment-Standard?

    Excitingcommerce hat frisch auf einen Bezahlservice von Zalando hingewiesen: „Bezahl nur noch, was Du behältst“. Diese Paymentmethode wurde bisher in Frankreich getestet.

    Bisher dachte man bei diesem Service eher an eine Art „Payment-Anschubhilfe in Ländern, die keinen Rechnungskauf kennen“. Aber ist das wirklich die richtige Perspektive? Ist „Pay Later“ nicht eigentlich…:

    Pay Later als die „viel bessere Kauf auf Rechnung nur ohne nervige Rechnung“?!

    Gerade für Vielbesteller, die Zalando & Co auch besonders im Auge haben, ist Kauf auf Rechnung eigentlich eine sehr unbequeme Zahlart. Erst bestelle ich sehr viele Klamotten, dann schicke ich davon sehr viele zurück, dann muss ich selber als Kunde (!) die Summen der zurückgeschickten Waren händisch auf einem Lieferschein von der Gesamtsumme abziehen und letztendlich darf ich nicht vergessen dann diesen Betrag fristgerecht zu überweisen, denn sonst flattern schnell Zahlungserinnerungen ins Postfach und man ärgert sich.

    Paylater Zalando

    Die Zalando-Methode „Try First, Pay Later“ zielt genau darauf ab, diesen komplizierten Zahlungsablauf zu vereinfachen. Im Rahmen der Check-out-Option „Try Now, Pay Later“ wird es für Kunden noch komfortabler, da der Betrag erst dann abgebucht wird, wenn der gesamte Bestellprozess abgeschlossen ist – inklusive Rücksendungen. MD Zalando Payments hat hier eine innovative Lösung geschaffen, die den Online-Einkauf revolutioniert und dabei die Gewohnheiten der Kunden berücksichtigt.

    Eine viel höhere Convenience ist da doch die Zahlart „Bezahl nur noch das, was Du behältst“ a la Zalando: Über die Träger-Zahlart Kreditkarte wird erst dann der jeweilige Betrag abgebucht, wenn alle Artikel verschickt und retourniert wurden und die Rechnerei automatisiert durch Zalando erfolgt ist, abgebucht wird ähnlich spät als wenn ich selbst überweise. Ergebnis: Eine viel höhere Bequemlichkeit und wenn das klappt, dann kaufe und kaufe und kaufe ich nur noch da. Endlich eliminiert mal ein Anbieter dieses nervige Payment! Nice!

    Für Erstkunden und „Online-Kauf-Einsteiger“ bleibt Rechnungskauf Zahlart der Wahl 

    Klar, für diese Kundengruppen geht es vor allem um Vertrauen. Bekomme ich auch wirklich die Ware so wie ich es will? Bekomme ich auch wirklich mein Geld zurück wenn ich was zurückschicke? Ich will keine ach so vertraulichen Kreditkartendaten „irgendeinem Online-Shop“ anvertrauen? Daher werden gerade Fashion Online-Shops nicht auf Rechnungskauf verzichten können, aber ich denke, Zalando hat mit Pay Later eine sehr gewichtige Chance auch und gerade im Rechnungskauf-Land Deutschland den Zahlarten-Mix gehörig durcheinander zu wirbeln!

  • Shopsysteme: Viele Möglichkeiten, viel Verwirrung

    Manche Schlachten in den IT-Diskussionen dachte man seien schon geschlagen seit den ERP „Standard vs. Custom Built“ – Diskussionen Ende letzten Jahrhunderts. Stattdessen wird dieses Thema insbesondere bei Online Shop-Systemen wieder intensiv diskutiert – unter anderem auch auf eigenen Konferenzformaten wie den code talks. Dazu habe ich gerade einen sehr lesenswerten Artikel von Roman Zenner in der aktuellen retail technology Zeitschrift gelesen.

    Die Kernthesen fasse ich mal in eigenen Worten zusammen und gebe auch meine Einschätzung mit dazu:

    • Es gibt eine Vielzahl an Shopsystemen, die um die Gunst der Entscheider buhlen
    • Anbieter von Standardsoftwaresystemen nehmen für sich in Anspruch die wesentlichen Use Cases und Features abzubilden, die für den erfolgreichen E-Commerce besonders erfolgsversprechend sind
    • Die Herausforderung bei jedem Standard ist das Abbilden individueller Geschäftsmodelle
    • Daher muss jede noch so vermeintlich ausgereifte Standardsoftware durch Agentur-Partner in einem sehr umfangreichen Customizing an die individuellen Anforderungen angepasst werden (so lesen sich jedenfalls die Angebote dieser Implementierungspartner)
    • Gleichzeitig verändert sich „der Standard im E-Commerce“ so schnell, dass man hier eher von einem „moving target“ sprechen sollte und es somit fraglich es, ob die Anbieter dieses Rennen sinnvoll gewinnen können

    Roman arbeitet sehr schön die Kernherausforderung heraus: Die größere Freiheit durch Eigenentwicklungen (mit oder ohne „Frameworks“ wie Spryker) erkauft man sich durch eine höhere Abhängigkeit von seinem Integrationsdienstleister oder den internen Entwicklern. Das ist ein Punkt, den ich auch teile: Solche Modelle eignen sich eher für erfahrenere Teams – auf Business- wie technischer Seite – die aus moderner Technologie tatsächlich einen Wettbewerbsvorteil bauen und nicht einfach nur in der zusätzlichen Komplexität untergehen. Der Aufbau und Steuerung von solchen IT Expertenteams erfordert eine gänzlich andere Kultur und Geschäftsverständnis als die meisten Entscheider bisher aufbringen (Scrum, MVP, Lean Startup, Fail fast & try often etc. pp.).

    Seine abschließende Schlussfolgerung im Kern auf ein „reifes“ Standardprodukt zu setzen, das aber über mehrere APIs dann doch wieder den technischen Zugriff durch den Händler selbst, ermöglicht, muss nochmals gesondert analysiert werden. Denn hier spricht vor allem der USP des Anbieters für den er aktuell arbeitet. Es kann sinnvoll sein, das würde ich aber gerne nochmals etwas durchdenken.